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„Assassin’s Creed: Odyssey“ und seine Frauen

Das hier ist ein Artikel von meinem alten Blog „Geekgeflüster“, auf dem ich grob von 2012 bis 2021 gebloggt habe. Der Blog ist inzwischen geschlossen und dieser Beitrag hier deshalb an dieser Stelle unverändert archiviert.


„Assassin’s Creed: Odyssey“ wird zu Recht für seine Frauenfiguren und besonders seine Protagonistin Kassandra gelobt. Und genau das sagt sehr viel über den Stand der Debatte über Frauen in Spielen.

Kassandra aus „Assassin’s Creed: Odyssey“ ist eine wunderbare Figur und je länger ich mit ihr spiele, desto mehr liebe ich die Dinge an ihr, die ich zu Beginn vielleicht nur mochte. Sie ist sarkastisch, stark, eher grob, leidenschaftlich, muskulös und ich komme nach wie vor nicht ganz darüber hinweg, wie wunderbar unsexualisiert ihre gesamte Inszenierung ist. Kassandra ist die Videospielheldin, auf die mein sechzehnjähriges Ich eigentlich immer gewartet hatte, als sie sich mit Begeisterung durch die Geschichten von Ezio und Altaïr gespielt hat, aber immer etwas enttäuscht von den Frauen drumherum war. Seitdem hat sich viel geändert, gleichzeitig aber auch nicht. Und Kassandra verdeutlicht beides.

Darf ich vorstellen? Kassandra, misthios.

Im Grunde ist es ja ironisch: Ubi-„Frauen sind ja so schwierig zu animieren“-soft und die „Assassin’s Creed“-Reihe, die sich zuvor mit Blick auf die Frauenfiguren nie so richtig mit Ruhm bekleckert hatte, bekommen es in dem Moment hin, eine Frauenfigur und Protagonistin zu liefern, die schlicht nicht einfach nur eine Frau, sondern eine Figur wie jede andere ist, in dem die Interaktionen derselben Frauenfigur in vielen Fällen ganz genauso für ihr männliches Pendant funktionieren müssen. In „Assassin’s Creed: Odyssey“ kann ich mir zu Beginn frei aussuchen, ob ich mit Kassandra oder ihrem Bruder Alexios spielen möchte. Als Folge dieser Entscheidung verändern sich ein paar Details, aber über weite Teile des Spiels hinweg funktionieren die meisten Interaktionen mit NPCs unabhängig vom Geschlecht der von mir gewählten Figur und beide Geschwister werden jeweils meistens nur mit geschlechtsneutralen Begriffen wie „misthios“ angesprochen anstatt ihrer Namen oder einer gegenderten Ansprache. Selbst die Mutter der beiden nennt im Zuge der Haupthandlung ihr älteres Kind an vielen Stellen nur „lamb“ statt seines richtigen Namens oder eines gegenderten Kosenamens.

Mit anderen Worten: Für die NPCs macht es keinen Unterschied, ob Alexios oder Kassandra vor ihnen steht. Das mag zwar eigentlich Kostengründe haben und teilweise könnte man bei der einen oder anderen Nebenquest vielleicht streiten, ob diese Quest eher für die eine oder andere Figur geschrieben wurde, aber das Ergebnis bleibt dasselbe. Kaum jemanden interessiert es, ob Alexios oder Kassandra vor ihnen steht, beide sind einfach Held*in vom Dienst.

Das ist ein Stück weit sehr schön, weil ich mich endlich nicht über künstlich gegenderte Handlungsstränge und Nebenquests ärgern muss, die verkrampft Sexismus abbilden, der jetzt angeblich historisch sein soll, führt allerdings auch dazu, dass Kassandra fast automatisch in ein „Starke Frau“-Erzählmuster geschrieben wird, in dem sie erzählerisch vor allem für Eigenschaften als positiv und Heldin dargestellt wird, die meistens männlich konnotiert sind. Das macht Kassandra nicht zu einer schlechten Figur, ganz im Gegenteil. Kassandra ist für mich das vielleicht erste Beispiel für eine Figur, bei der eben dieses Erzählmuster tatsächlich gut umgesetzt wurde, gerade weil sie so unverblümt ist, wie sie ist. Kassandra ist grob, stark und hat absolut keine Zeit für irgendjemandes Bullshit. Markos hat irgendeine windige Geschäftsidee? Kassandra rollt mit den Augen und kontert mit einem trockenen Spruch. Sokrates will mit ihr über den idealen Herrscher oder den Wert eines Menschenlebens diskutieren? Kassandra bleibt unbeeindruckt. Stentor quatscht irgendetwas von Sparta, Ehre und Heldentum? Kassandra will nur wissen, wen sie denn jetzt töten soll.

Die vielleicht erste wirklich gut geschriebene „Starke Frau“

Es ist erfrischender als gedacht, in einer Reihe wie „Assassin’s Creed“ plötzlich eine Frauenfigur vor mir zu haben, die sich scheinbar wirklich wohl in ihrer Haut fühlt. Eine Frauenfigur, die im Grunde einfach nur eine vollwertige Figur ist, ohne dass ihr Frausein eine echte Rolle spielt. Kassandra ist Kassandra. Sie ist eine Söldnerin, Attentäterin, steht leidenschaftlich für die ein, die ihr nahe stehen, und ist fest entschlossen, ihren Feinden ein Ende zu bereiten. Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, kommt auf dieser Liste irgendwann ganz am Ende, irgendwo in einem Nebensatz. Zugleich wird ihr allerdings ihre Sexualität oder Emotionalität weder im Zuge der Romances, die sie eingehen kann, noch in anderen Handlungssträngen abgesprochen. Kassandra ist einfach … Kassandra. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Das ist so beschrieben im Grunde nicht viel und eigentlich schon banal. Natürlich sollte jede*r Protagonist*in immer einfach eine vollwertige Figur und sie selbst sein. Figuren sind Figuren und mit dem Konflikt, den sie mit sich bringen, werden Geschichten erzählt, das ist jetzt wirklich keine neue Erkenntnis. Und trotzdem macht mich die Existenz von Kassandra lächerlich glücklich. Es macht mich glücklich, ausgerechnet in „Assassin’s Creed“ eine Protagonistin zu sehen, die ernsthaft breitschultrig ist. Deren Muskeln man wirklich sehen kann. Deren Frisur und Rüstung ganz offensichtlich vollkommen darauf ausgelegt ist, zweckmäßig zu sein. Die nicht nur als „stark“ und „grob“ deklariert wird, sondern von der visuell und erzählerisch diese Eigenschaften auch aktiv zeigt. Eine Protagonistin, die einfach ernsthaft gut geschrieben und nicht nur halbherziges Gimmick ist.

Genauso macht es mich lächerlich glücklich, wie selbstverständlich „Assassin’s Creed: Odyssey“ Figuren wie Aspasia und Xenia koexistieren lässt. Die kluge, zierliche und schöne Aspasia tritt innerhalb der Handlung ganz genauso selbstverständlich auf wie die hünenhafte, grobschlächtige Piratin Xenia und keine von beiden wird gegeneinander ausgespielt. Es gibt sie einfach und sie haben beide ihre ganz eigene Agenda, die auch nicht von anderen vereinnahmt werden kann. Wie auch Kassandra existieren sie einfach und gehen ihren Weg durch das antike Griechenland, so wie alle anderen beiden auch. So merkwürdig dieser Satz klingt: „Assassin’s Creed: Odyssey“ begreift seine Frauenfiguren endlich als Menschen.

Viel Luft nach oben

Und gerade weil dieser Satz so merkwürdig klingt, lässt er popkulturell so tief blicken. Natürlich hatte ich auch schon bevor ich „Assassin’s Creed: Odyssey“ angefangen hatte, viel Gutes über Kassandra gehört. Natürlich war mir klar, dass die Möglichkeit, endlich eine alleinige Protagonistin spielen zu können, ein überfälliger Schritt für die Reihe war. Aber natürlich habe ich auch ganz automatisch die Einschränkungen für dieses Lob erwartet, die ich immer erwarte.

Emily Kaldwin in „Dishonored 2“, Evie Frye in „Assassin’s Creed: Syndicate“, Amicia in „A Plague Tale: Innocence“, Senua in „Hellblade“, Ciri in „The Witcher 3“ – All diese und mehr Frauenfiguren in verschiedenen Spielen mochte ich sehr, aber bei jeder einzelnen gab und gibt es mindestens ein Detail, das ich ganz bewusst ignoriere, weil es ohnehin keinen Sinn hat, zu hohe Erwartungen zu haben. Emily wird vor allem über ihre Rolle als Corvos Tochter definiert, mit Evie wusste man offenbar nichts anzustellen als sie in eine Beziehung aufzuräumen, Amicia wird von ihrer Mutterrolle geradezu verschluckt, der Auslöser für Senuas Handlung ist der Verlust ihres Geliebten und auch wenn ich die Liebe vieler anderer zu „Witcher 3“ nachvollziehen kann, so trieft das Spiel doch vor Sexismus. Der Punkt ist: Kassandra und die Frauen von „Assassin’s Creed: Odyssey“ haben mich positiv mehr als überrascht, weil ich eigentlich damit rechne, für eine halbwegs gute Frauenfigur in einem Spiel noch immer einiges an Abstrichen machen zu müssen. Abstriche, von denen ich viele weder bei Kassandra selbst noch bei einer der anderen Frauen um sie herum ausnahmsweise nicht machen musste.

Das ist ein bisschen bittersüß, weil es einerseits verdeutlicht, warum Kassandra so eine gut gelungene Figur ist, aber andererseits auch eine Erinnerung ist, auf was für einem niedrigen Niveau wir noch immer über Frauenfiguren in Spielen diskutieren. Es tut sich etwas und „Assassin’s Creed: Odyssey“ ist einer von vielen Belegen dafür, aber gleichzeitig zeigt das Spiel auch, wie viel Potential diese Debatte noch hat. Und wie wunderbar es wäre, wenn es deutlich mehr Repräsentation in Spielen gäbe, die nicht einfach nur Token, sondern Menschen abbildet.

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